Das Gesicht des Menschen

Beauty Portraits mit Charakter aus dem fotostudio in Trier von Fotograf Yaph haben Tiefe und Brillanz.

Die Sehnsucht

Menschenbilder von Yousef A.P. Hakimi

„Ich sehne mich danach, von jedem Wesen auf Erden, das ich lieb gewonnen habe, ein solches Andenken zu besitzen. Es ist nicht nur die Ähnlichkeit, die in solchen Fällen kostbar ist – sondern die damit verbundenen Assoziationen und das Gefühl des Naheseins… die Tatsache, dass hier der WAHRE UMRISS DIESES MENSCHEN für immer festgehalten ist. Ich glaube, das ist es, was Porträts heilig und unverletzlich macht.“

Elisabeth Barrett

(1843 in einem Brief an M. Russel Mitford)

Das menschliche Gesicht

birgt sehr viel in sich. Es ist das Geheimnisvollste und Vertrauteste für uns. Ein Gesicht kann vieles aussagen, ohne zu sprechen. Charakter, Wesen und Ego eines Menschen versuchen wir, aus seinem Gesicht zu lesen. Wut, Ärger, Angst, Sympathie und Liebe können wir in einem Gesicht erkennen.“

Pau Strand

Yousef AP Hakimi

(1990 zu seiner Ausstellung in der Tuchfabrik Trier)

Fast 150 Jahre liegen zwischen diesen beiden Zitaten und doch ist ihr Inhalt so ähnlich, scheint hier die Zeit stehen geblieben zu sein. Nichts scheint stattgefunden zu haben, was auf eine Entwicklung hindeutet. Wie kommt es dann, dass diese Porträts in unserer sonst so schnelllebigen Zeit noch immer dieselbe Anziehungskraft haben, den Betrachter heute –  wie damals – in ihren Bann ziehen und immer wieder auf das Neue beschäftigen?

Die Antwort gibt das Objekt, beziehungsweise in diesem Fall das Subjekt der Betrachtung selbst: der Mensch – der ewig neue, ewig andere und ewig einzigartige Mensch. Nur ihm scheint es vorbehalten, in ständig wechselnder Gestalt zu erscheinen, sich zu verändern und zu wandeln und doch er selbst, der Einmalige zu bleiben.

Das Gesicht ist das erste, was wir von unserem Gegenüber wahrnehmen. Gesichter sind wie offene Bücher; sie laden ein, in ihnen zu lesen und doch bleibt das Wesen eines Menschen meist dahinter im Verborgenen, entsprechend dem, was bei gehaltvollen Büchern zwischen den Zeilen steht. Porträts sind beispielsweise eine Möglichkeit, sich diesem Wesen anzunähern, es an die Oberfläche zu heben und sichtbar werden zu lassen.

Der Entstehungsprozess

Die in diesem Band zusammengestellten Porträts und Akte sind weder Schnappschüsse noch Zufallsprodukte. Sie sind das Ergebnis eines Prozesses, einer intensiven Annäherung des Fotografen an sein jeweiliges Modell. Zeit darf dabei keine Rolle spielen, sondern die Öffnung füreinander und der Aufbau gegenseitigen Vertrauens stehen im Vordergrund.

Der eigentlichen Arbeit mit der Kamera geht eine Reise in die Tiefen der Seele des Modells voraus. Erst, wenn der Alltag abgestriffen ist, wenn keine gegenseitigen Vorbehalte mehr zwischen beiden stehen, dann sind die Weichen gestellt für eine ehrliche Porträtaufnahme. Dann überwindet der Fotograf die Rolle des Voyeurs und wird statt dessen zum Verbündeten des Modells. Er stellt sein Gegenüber nicht bloß, denunziert es nicht, sondern wird zu dessen Regisseur. Ähnlich, wie ein guter Lehrer nichts anderes ist, als ein Geburtshelfer der Fähigkeiten seiner Schüler, so spiegelt der Fotograf markante Wesenszüge seines Modells in dessen Porträtaufnahme. Bei dieser Vorgehensweise ist es völlig legitim, wenn in erster Linie die Ebenheit und Ausdrucksstärke von Gesichtern, aber auch Wesenszüge, wie Sanftmut und Einfühlsamkeit ästhetisch überhöht werden. Wichtig wirkt dabei die Wahl der Schwarz-Weiß-Fotografie, da sie nicht vom Thema ablenkt. Wichtiger kann aber auch die Art und Intensität der Beleuchtung wirken, beziehungsweise das Zusammenspiel von Hintergrund, Licht und Pose des Modells. Genau in diesem Zusammenspiel gilt es, den Zeitpunkt abzupassen, in dem alle drei Komponenten bestmöglich aufeinander abgestimmt sind. Gelingt es dem Fotografen, genau diesen Moment mit der Kamera festzuhalten, so hat er das erreicht, was bereits der griechische Philosoph Aristoteles als „telos“, als vollendetes Ende einer Sache, der zur Vervollkommnung nichts mehr hinzuzufügen ist, bezeichnet.

Das Ergebnis

Fotografien sind immer nur Abbilder der Realität. Und doch geht von einem gelungenen Porträt eine Lebendigkeit und Intensität aus, die an Magie grenzt. Wir lassen uns fesseln von einem – im wahrsten Sinne des Wortes – „Augenblick“. Wir nehmen die Einladung an, darin zu lesen und zu forschen. Der Beobachter selbst bleibt dabei unbeobachtet. Wir sehen einander an – scheinbar – und können uns doch nicht sehen, weder gegenseitig, noch uns selbst. Eine gleichberechtigte Situation – scheinbar… Und dann gibt es da noch eine Gemeinsamkeit: so, wie wir unser eigenes Spiegelbild immer nur seitenverkehrt wahrnehmen, genauso tritt uns das Abbild anderer Menschen gegenüber: seitenverkehrt.

Gemeinsamkeiten verbinden bekanntlich, sie ermutigen, weiter zu forschen, fordern auf, die Botschaft des Augenblicks zu entschlüsseln. Der Betrachter kann so in einem zweiten Schritt das nachvollziehen, was der Fotograf als Vermittler zwischen dem Modell und ihm in sein Porträt gebannt hat. Es kommt zu einer indirekten Kommunikation zwischen zwei Unbekannten. Und das Verblüffende dabei ist: Je länger man sich mit jedem einzelnen Abbild eines Menschen befasst, je intensiver man es betrachtet, um so vielfältiger und differenzierter wird es. Immer neue Assoziationen vervollkommnen scheinbar die porträtierte Person. Das Verhältnis vom Betrachter zum Abbild unterliegt im Laufe der Zeit einem ständigen Wandel. Der Betrachter bringt sich und seine Erfahrungswelt immer stärker mit in die Interpretation ein. Je stärker diese Wechselbeziehung wirkt, desto mehr scheint sich das Bild mit Leben zu erfüllen. Sehnsüchte, Wünsche, Großherzigkeit, aber auch diabolische Schelmenhaftigkeit, Fernweh und Einsamkeit, alle scheinen sie sich uns nach und nach zu offenbaren.

Anders verhalten sich Abbilder von Körpern, auch – oder gerade von nackten Körpern. Und das erstaunlicherweise gerade in einer Zeit der Tabulosigkeit, der Schamlosigkeit. Sie scheinen sich ihrer selbst bewusst, in sich geschlossen, autark und nicht so leicht zugänglich oder gar zu erobern. In ihrer Gänze tragen sie eine gewisse Würde und Unantastbarkeit zur Schau. Sie sind schwer zu orten und zu identifizieren. Sie setzen sich weit über das hinweg, was ihnen die Konsumwelt diktiert, demonstrieren ihre eigenen Gesetze und Vorstellungen von Schönheit. Der Körper als Form, als Abbild und auch als Teil der Natur, als eigenständiger Organismus, als Sinnbild der kosmischen Ordnung und nicht zuletzt als Vorbild für die von Menschenhand geschaffene Ordnung. Sie hat etwas Zeitloses und doch stets Innovatives, stets auch Aktuelles, die fotografische Darstellung des Menschen.

„Deine Fotografie ist für jeden, der wirklich sehen kann, ein Dokument deines Lebens. Du kannst die Lebensweise anderer Menschen betrachten und dich von ihr beeinflussen lassen, du kannst sie sogar dazu benützen, deine eigene zu finden, aber irgendwann musst du dich davon freimachen. Das hat Nietzsche gemeint, als er sagte: „Ich habe gerade Schopenhauer gelesen, jetzt muss ich ihn wieder loswerden.“ Er wusste, wie heimtückisch die Lebensauffassung anderer, vor allem derer, die über das mächtige Instrument profunder Erfahrung verfügen, werden kann, wenn man sie zwischen sich selbst und die eigenen Perspektiven geraten lässt.“

Paul Strand

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